Schmerzen behandeln mit EMDR

Zwillingsstudie zum Zusammenhang zwischen psychischen Traumata und dem Auftreten von generalisierten Schmerzen

"A Twin Study of Posttraumatic Stress Disorder Symptoms and Chronic Widespread Pain" 
von Dr. Lester M. Arguelles, Ph.D., Dr. Niloofar Afari, Ph.D., Dr. Dedra Buchwald, MD, Dr. Daniel Clauw, MD, Dr. Sylvia Furner, Ph.D., and Dr. Jack Goldberg, Ph.D.
publiziert in PAIN. 2006;124:150–7

 

Um der Frage nachzugehen, ob sich der Zusammenhang zwischen psychischen Trauma und chronischen Schmerzen durch genetische, familiäre oder eher durch individuelle oder Trauma-spezifische Faktoren erklären lässt, hat eine amerikanische Arbeitsgruppe eineiige und zweieiige Zwillinge miteinander Vergleichen. Die Ergebnisse zeigten interessante und zum Teil unerwartete Ergebnisse!

In zahlreichen Studien wurde der Zusammenhang zwischen traumatisierenden Lebensereignissen und dem Auftreten von chronischen Schmerzsyndromen empirisch belegt. Epidemiologische Studien zeigen eine starke Assoziation zwischen dem Auftreten von chronischen Schmerzsyndromen und dem Vorliegen von traumatischen Erfahrungen (Glaesmer et al. 2011). In prospektiven Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Patienten mit neu aufgetretenem Rückenschmerz ein drei bis sechsfach erhöhtes Risiko besitzen, dass ihr Rückenschmerz chronifiziert, wenn sie zuvor traumatischen Erfahrungen ausgesetzt waren (Reme et al. 2012, Shaw et al. 2010). Interessanterweise scheint diese Assoziation besonders stark zu sein für generalisierte Schmerzen (sog. „chronic widespread pain“-Syndrom). Ein systematisches Review hierzu zeigt, dass Menschen mit psychischer Traumatisierung ein insgesamt 3.3-fach erhöhtes Risiko besitzen, an einer generalisierten Schmerzstörung  zu erkranken (Afari et al. 2014). Die zugrundeliegenden Mechanismen sind bisher erst unvollständig verstanden.

Unklar ist besonders welche Rolle in diesem Zusammenhang genetische und familiär-soziale Faktoren einnahmen. Um dieser Frage nachzugehen, hat eine amerikanische Arbeitsgruppe eine Kohorte eineiiger und zweieiger Zwillinge aus dem Zwillingsregister der Universität Waschington befragt hinsichltich dem Vorliegen von Schmerzen als auch hinsichtlich Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Anhand einer verkürzten Form der Impact of Event-Skala (IES) – einem häufig eingesetzten und gut validierten Screeniginstrumente zur Erfassung des Schweregrads einer möglichen posttraumatischen Beschwerdesymptomatik - wurden die drei Symptombereiche Intrusion, Vermeidung und Übererregung quantifiziert.

Zusätzlich wurde das Vorliegen einer generalisierten Schmerzsymptomatik anhand dreier ausgewählter Fragen des London Fibromyalgia Epidemiology Study Screening Questionnaire erfasst. Hierfür wurden alle Zwillinge gefragt, ob sie in den letzten drei Monaten mindestens über eine Woche Schmerzen in den Muskeln, Knochen oder Gelenken hatten in 1.) Schultern, Armen oder Händen, 2.) Beinen oder Füssen, 3) im Nacken, Burst oder Rücken. Teilnehmer, die alle drei Fragen mit "ja" beantworteten, wurden als "generalisiertes Schmerzsyndrom" klassifiziert.

Das Design dieser Studie, welche Insgesamt über 1042 monozygote und 828 dizygote Zwillinge umfasste, erlaubte verschieden Arten von Vergleich.

Zum einen konnten Personen mit hohem PTBS-Symptomscores verglichen werden mit solchen mit niedrigem Symptomscore. Zum anderen konnten die Stärke des Zusammenhangs verglichen werden in genetisch nahezu identischen Individuen (durch Vergleich der eineiigen Zwillinge untereinander), in genetisch divergierenden aber in ähnlichen familiär-sozialen Kontexten herangewachsenen Individuen (durch Vergleich der zweieiigen Zwillingspärchen untereinander,) sowie in sowohl genetisch als auch familiär-sozial unterschiedlichen Individuen durch Vergleich von einzelnen Zwillingsindividuen mit alters- und geschlechts-gematchten, nicht-verwandten anderen Zwillingsindividuen aus dieser Kohorte.

Die Ergebnisse zeigten, je stärker die Symptome einer PTBS ausgeprägt waren, desto höher war das Riskio für das Vorliegen einer generalisierten Schmerzsymptomatik. Dieser Zusammenhang war unabhängig sowohl von soziodemographischen Variablen als auch vom Vorliegen einer Depression. Dies bestätigt die Hypothese, dass psychische Trauma und Trauma-assoziierte Symptome mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung chronischer Schmerzen einhergehen. 

Interessanterweise zeigten die weiteren Analysen, dass der Zusammenhang zwischen Traumasymptomatik und dem Auftreten generalisierter Schmerzen innerhalbt aller drei Gruppen ähnlich stark ausgeprägt war. D.h. es machte keinen Unterschied, ob die Individuen genetisch nahezu identisch waren und/oder ob sie in ähnlichen familiären Umfeldern aufgewachsen waren oder nicht. Diese Ergebnisse legen daher nahe, dass primär individuelle und Trauma-spezifische Einflüsse, und weniger genetische oder familiäre Einflüsse für den robusten Zusammenhang zwischen dem Erleben von psychischen Trauma und der Entwicklung von chronsichen Schmerzen verantwortlich sind.

Diese Ergebnisse sind von besonderer Relevanz, da im Rahmen des sog. „Shared Vulnerability Model“  vermutet wurde , dass prädisponierende, und vor allem auch genetisch deteminierte Faktoren für die komorbide Entwicklung von PTBS und chronischen Schmerzen verantwortlich sind (Asmundson et al. 2002). Die Ergebnisse dieser Studie lassen jedoch vermuten, dass besonders individuellen und Trauma-spezifischen Faktoren eine wichtige Rolle beizumessen ist.

Neuere Studien bestätigen diese Beobachtungen und weisen darauf hin, dass psychiche Traumata und frühkindliche Stresserfahrungen zentralnervöse Veränderungen im Schmerzempfinden induzieren, welche über eine zentrale Schmerzaugmentation zu generalisierten Veränderungen in der Schmerzwahrnehmung führen (Tesarz et al. 2015, Tesarz et al. 2016).

 

Literatur

Afari N, Ahumada SM, Wright LJ, Mostoufi S, Golnari G, Reis V, Cuneo JG. Psychological trauma and functional somatic syndromes: a systematic review and meta-analysis. Psychosom Med 2014;76:2-11.

Asmundson GJG, Coons MJ, Taylor S, Katz J. PTSD and the experience of pain: research and clinical implications of shared vulnerability and mutual maintenance models. Can J Psychiatry 2002;47:930–937.

Glaesmer H, Brahler E, Gundel H, Riedel-Heller SG. The association of traumatic experiences and posttraumatic stress disorder with physical morbidity in old age: a German population-based study. Psychosom Med 2011;73:401-6.

Reme SE, Shaw WS, Steenstra IA, Woiszwillo MJ, Pransky G, Linton SJ. Distressed, immobilized, or lacking employer support? A sub-classification of acute work-related low back pain. J Occup Rehabil 2012;22:541-52.

Shaw WS, Means-Christensen AJ, Slater MA, Webster JS, Patterson TL, Grant I, Garfin SR, Wahlgren DR, Patel S, Atkinson JH. Psychiatric disorders and risk of transition to chronicity in men with first onset low back pain. Pain Med 2010;11:1391-400.

Tesarz J, Gerhardt A, Leisner S, Janke S, Treede R, Eich W. Distinct quantitative sensory testing profiles in nonspecific chronic back pain subjects with and without psychological trauma. Pain 2015;156:577-86.

Tesarz J, Gerhardt A, Treede R, Eich W. Altered pressure pain thresholds and increased wind-up in adult chronic back pain patients with a history of childhood maltreatment: A quantitative sensory testing study. Pain 2016;157:1799-809.

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