Schmerzen behandeln mit EMDR

EMDR bei chronischen Rückenschmerzen: Randomisierte, kontrollierte Studie zur Wirksamkeit von EMDR bei chronischen Rückenschmerzen

 "Eye Movement Desensitization and Reprocessing vs. Treatment-as-Usual for Non-Specific Chronic Back Pain Patients with Psychological Trauma: A Randomized Controlled Pilot Study"
von Gerhardt A, Leisner S, Mechthild H, Janke S, Seidler G.H., Eich W., Tesarz J
publiziert in Frontiers in Psychiatry 7:201.

 

Der chronische Rückenschmerz zählt in den Industriestaaten mit einer Lebenszeitprävalenz von über 80% zu den mit Abstand häufigsten Schmerzsyndromen überhaupt. Nur ungefähr 15% der Fälle sind auf eine spezifische bzw. strukturelle Ursache (Frakturen, Entzündungen, etc.) zurückzuführen.  Denn anders als beim akuten Rückenschmerz spielen beim chronischen Rückenschmerz strukturelle Ursachen nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr kommen in der Schmerzchronifizierung besonders zentralnervösen Schmerzchronifizierungsprozessen und emotionalen und psychosozialen Belastungsfaktoren ein große Bedeutung zu. Daher rücken in den letzten Jahren psychotherapeutische Verfahren zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit. Doch trotz der nachgewiesenen Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren in der Behandlung chronischer Schmerzen, ist die Situation unbefriedigend. Denn bisherige psychotherapeutische Verfahren können zwar die Funktion und Lebensqualität chronischer Schmerzpatienten verbessern, haben jedoch oftmals nur einen geringen Einfluss auf das Schmerzerleben selbst (Williams et al. 2012). Dazu ist die Entwicklung neuer Therapien wünschenswert. 

Da emotionales Leid beispielsweise durch belastende oder schmerzhafte Erlebnisse sowie eine möglicherweise maladaptive zentralnervöse Verarbeitung dieser Erfahrungen einen entscheidenden Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung haben (Tesarz et al. 2015), stellt EMDR einen vielversprechenden psychotherapeutischen Ansatz zur Behandlung chronischer Schmerzsymptome dar. Erste Berichte zur Behandlung von Phantomschmerzen, Migräne und Fibromyalgiesyndrom zeigen zum Teil hohe bis sehr hohe Effektstärken (Tesarz et al. 2013). Der Stellenwert von EMDR in der Behandlung chronischer Rückenschmerzpatienten war bisher jedoch noch unklar.

Im Rahmen des Arbeitskreises "EMDR in der Schmerztherapie" haben wir ein für Rückenschmerzpatienten adaptiertes EMDR-Behandlungsmanual entwickelt (Tesarz et al. 2015), das auf dem klassischen EMDR-Standardprotokoll von Shapiro basiert und Schmerzspezifische Aspekte integriert. Mit einer standardisierten, schmerzspezifischen und zehn Sitzungen umfassenden EMDR-Therapie wurden nun in einer randomisierten kontrollierten Studie Patienten mit chronischen Rückenschmerzen unterschiedlicher Schmerzausbreitung und psychischer Komorbidität behandelt. Nach der Eingangsuntersuchung wurden insgesamt 40 Patienten mit nicht-spezifischen chronischen Rückenschmerzen randomisiert (1:1) entweder einer Interventionsgruppe oder der Kontrollgruppe zugewiesen. Als primäres Zielgrößen wurde die Veränderung in der Schmerzintensität und der Grad der Beeinträchtigung erfasst. Ferner wurde der subjektiv vom Patienten wahrgenommene Therapienutzen erfasst.   

Die Ergebnisse zeigen, dass Rückenschmerzpatienten sowohl in Hinblick auf ihr Schmerzerleben als auch in Hinblick auf ihre Beeinträchtigung durch den Schmerz relevant von der EMDR-Therapie profitieren konnten. So lagen die Effektstärken mit 0.79 (CI95%: 0.13, 1.42) für Schmerzintensität und d = 0.39 (CI95%: −0.24, 1.01) für Beeinträchtigung deutlich über denen herkömmlicher Therapien. Analysen auf individueller Patientenbasis zeigten, dass sich 50% der Patienten in der Interventionsgruppe klinisch relevant verbesserten und ihre Schmerzen als " stark verbessert" oder "sehr stark verbessert" einschätzten verglichen zu keinem einzigen Patienten in der Kontrollgruppe.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass durch die Ergebnisse dieser Studie erstmals die Wirksamkeit von EMDR in der Behandlung chronischer Rückenschmerzpatienten auch in einem qualitativ hochwertigen Studiendesign belegt werden kann. Einschränkend ist jedoch auch auf den explorativen und monozentrischen Charakter dieser Studie hinzuweisen. Vor diesem Hintergrund wird es nun im nächsten Schritt darum gehen, die Ergebnisse dieser Studie im Rahmen einer konfirmatorischen Studie mit ausreichender Fallzahl und multizentrischen Charakter zu replizieren.

 Literatur:

Gerhardt A, Leisner S, Hartmann M, Janke S, Seidler GH, Eich W and Tesarz J (2016) Eye Movement Desensitization and Reprocessing vs. Treatment-as-Usual for Non-Specific Chronic Back Pain Patients with Psychological Trauma: A Randomized Controlled Pilot Study. Front. Psychiatry 7:201. doi: 10.3389/fpsyt.2016.00201

Tesarz J, Gerhardt A, Leisner S, Janke S, Treede RD, Eich W: Distinct quantitative sensory testing profiles in nonspecific chronic back pain subjects with and without psychological trauma. Pain 2015;156:577-586.

Tesarz J, Leisner S, Gerhardt A, Janke S, Seidler GH, Eich W, Hartmann M: Effects of eye movement desensitization and reprocessing (EMDR) treatment in chronic pain patients: a systematic review. Pain Med 2014;15:247-263.

Tesarz J, Seidler GH, Eich W: Schmerzen behandeln mit EMDR: Das Praxishandbuch. Stuttgart, Klett-Cotta, 2015.

Williams AC, Eccleston C, Morley S: Psychological therapies for the management of chronic pain (excluding headache) in adults. Cochrane Database Syst Rev 2012;11:CD007407.

 

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