Schmerzen behandeln mit EMDR

EMDR bei Phantomschmerz: erste randomisierte, kontrollierte Langzeitstudie zur Wirksamkeit von EMDR bei Phantomschmerz

"Efficacy of eye movement desensitization and reprocessing on the phantom limb pain
of patients with amputations within a 24-month follow-up" 
von Rostaminejad A, Behnammoghadam M, Rostaminejad M, Behnammoghadam Z, Bashti S.
publiziert im Int J Rehabil Res. 2017

 

Phantomschmerzen sind Schmerzen in einem Körperteil, der nicht mehr vorhanden ist, meist infolge einer Amputation. Über etwas 60–80% der Amputierten nehmen Schmerzen in ihrer verlorenen Gliedmaß wahr (DGSS). Früher ging man davon aus, dass Störungen an Blutgefäßen und Nerven, oder aber Veränderungen an den peripheren Nerven selbst, die vom verlorenen Gliedmaß zum Rückenmark ziehen, eine Rolle spielen. Obwohl diese Faktoren wohl auch von Bedeutung sein können, geht man heute davon aus, dass Phantomschmerzen primär auf Veränderungen im Gehirn zurückzuführen sind. Infolge der traumatischen Erfahrungen im Rahmen der Amputation kommt es zur zentralen Umorganisation in denjenigen Gehirnregionen, in denen Schmerzreize verarbeitet werden. Diese Umorganisation im Gehirn ist besonders ausgeprägt, wenn im betroffenen Körperteil bereits vor der Amputation Schmerzen auftraten und eine Art zentrales Schmerzgedächtnis hinterlassen haben. Darüber hinaus können Stress oder eine depressive Stimmung die Wahrnehmung von Phantomschmerz negativ beeinflussen.

Aufgrund der Befunde zur Umorganisation der Repräsentanz von Körperteilen im Gehirn von Patienten mit Phantomschmerz erscheint es sinnvoll, mit der Schmerztherapie genau hier anzusetzen, d.h. die Umorganisation im Gehirn rückgängig zu machen. Da die im Rahmen der Amputation erlebten traumatischen und schmerzhaften Erinnerungsspuren einen entscheidenden Einfluss auf diese Prozesse besitzen, stellt EMDR einen vielversprechenden psychotherapeutischen Ansatz zur Behandlung chronischer Schmerzsymptome dar.

Erste Berichte zur Behandlung von Phantomschmerzen mit EMDR beruhten jedoch vorwiegend auf Einzelfallberichten, waren auf kleine Fallzahlen begrenzt und entsprechende Langzeitnachbeobachtungen fehlten bisher vollkommen. Vor diesem Hintergrund ist die nun kürzlich im International Journal of Rehabilitation Research von einer iranischen Arbeitsgruppe publizierte Studie zur Wirksamkeit von EMDR in der Behandlung von Phantomschmerzen von hohem klinischen Interesse.

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EMDR bei chronischen Rückenschmerzen: Randomisierte, kontrollierte Studie zur Wirksamkeit von EMDR bei chronischen Rückenschmerzen

 "Eye Movement Desensitization and Reprocessing vs. Treatment-as-Usual for Non-Specific Chronic Back Pain Patients with Psychological Trauma: A Randomized Controlled Pilot Study"
von Gerhardt A, Leisner S, Mechthild H, Janke S, Seidler G.H., Eich W., Tesarz J
publiziert in Frontiers in Psychiatry 7:201.

 

Der chronische Rückenschmerz zählt in den Industriestaaten mit einer Lebenszeitprävalenz von über 80% zu den mit Abstand häufigsten Schmerzsyndromen überhaupt. Nur ungefähr 15% der Fälle sind auf eine spezifische bzw. strukturelle Ursache (Frakturen, Entzündungen, etc.) zurückzuführen.  Denn anders als beim akuten Rückenschmerz spielen beim chronischen Rückenschmerz strukturelle Ursachen nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr kommen in der Schmerzchronifizierung besonders zentralnervösen Schmerzchronifizierungsprozessen und emotionalen und psychosozialen Belastungsfaktoren ein große Bedeutung zu. Daher rücken in den letzten Jahren psychotherapeutische Verfahren zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit. Doch trotz der nachgewiesenen Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren in der Behandlung chronischer Schmerzen, ist die Situation unbefriedigend. Denn bisherige psychotherapeutische Verfahren können zwar die Funktion und Lebensqualität chronischer Schmerzpatienten verbessern, haben jedoch oftmals nur einen geringen Einfluss auf das Schmerzerleben selbst (Williams et al. 2012). Dazu ist die Entwicklung neuer Therapien wünschenswert. 

Da emotionales Leid beispielsweise durch belastende oder schmerzhafte Erlebnisse sowie eine möglicherweise maladaptive zentralnervöse Verarbeitung dieser Erfahrungen einen entscheidenden Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung haben (Tesarz et al. 2015), stellt EMDR einen vielversprechenden psychotherapeutischen Ansatz zur Behandlung chronischer Schmerzsymptome dar. Erste Berichte zur Behandlung von Phantomschmerzen, Migräne und Fibromyalgiesyndrom zeigen zum Teil hohe bis sehr hohe Effektstärken (Tesarz et al. 2013). Der Stellenwert von EMDR in der Behandlung chronischer Rückenschmerzpatienten war bisher jedoch noch unklar.

Im Rahmen des Arbeitskreises "EMDR in der Schmerztherapie" haben wir ein für Rückenschmerzpatienten adaptiertes EMDR-Behandlungsmanual entwickelt (Tesarz et al. 2015), das auf dem klassischen EMDR-Standardprotokoll von Shapiro basiert und Schmerzspezifische Aspekte integriert. Mit einer standardisierten, schmerzspezifischen und zehn Sitzungen umfassenden EMDR-Therapie wurden nun in einer randomisierten kontrollierten Studie Patienten mit chronischen Rückenschmerzen unterschiedlicher Schmerzausbreitung und psychischer Komorbidität behandelt. Nach der Eingangsuntersuchung wurden insgesamt 40 Patienten mit nicht-spezifischen chronischen Rückenschmerzen randomisiert (1:1) entweder einer Interventionsgruppe oder der Kontrollgruppe zugewiesen. Als primäres Zielgrößen wurde die Veränderung in der Schmerzintensität und der Grad der Beeinträchtigung erfasst. Ferner wurde der subjektiv vom Patienten wahrgenommene Therapienutzen erfasst.   

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Im Oktober erhielt Jonas Tesarz den »Förderpreis für Schmerzforschung« (1.Preis in der Kategorie »Klinische Forschung«) für seine Arbeit zum Einfluss von psychischen Traumata auf das Schmerzempfinden.

>> Hier erfahren sie näheres zum Förderpreis der Schmerzforschung.

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